Warum wir uns für die Ecole entschieden haben
Tsvetlin, Vater von Yasna, der ersten Schülerin im School Immersion Program, teilt seine Perspektive auf ihre Zeit an der Ecole. Die Erfahrung hat ihn so geprägt, dass er die folgende Reflexion darüber verfasst hat.
Als wir alle gemeinsam ins Kino gingen, hätte niemand gedacht, dass meine Tochter und ich nur wenige Monate später aus Bulgarien anreisen, vier Tage an der Ecole verbringen und feststellen würden: Das ist die beste Schule, die wir für sie finden konnten – also ziehen wir alle nach Hasliberg. Selbst wenn auf dem Schulweg Lawinen drohen.
„Kein Winterwanderweg (eingeschränkter Winterunterhalt). Begehung auf eigene Gefahr!“ steht auf einem Schild entlang unseres Schulwegs, kurz vor einem sehr steilen Hang.
„Kein Winterwanderweg (eingeschränkter Winterunterhalt). Begehung auf eigene Gefahr!“ steht auf einem Schild entlang unseres Schulwegs, kurz vor einem sehr steilen Hang. Im April 2025 sahen wir eine Dokumentation, in der eine junge (und offenbar bekannte) Komponistin erwähnte, dass sie als Kind Komposition und Improvisation nach einer Methode namens Partimenti gelernt hatte. Das machte uns neugierig – die meisten von uns machen Musik, und laut Astrologie sind wir drei Wassermänner und eine Waage. Ein paar Tage später meldeten wir uns für die Partimenti Summer Academy in Basel an. Als wir im Juli dort ankamen, waren wir bereits auf der Suche nach einer weiterführenden Schule für unsere 13-jährige Tochter. Wir fragten herum und schauten uns einige Schulen an – fanden aber nichts, das sich wirklich von den Schulen in Bulgarien unterschied.
Online-Recherche
Ein paar Wochen später lieferte ChatGPT auf unsere Frage nach „demokratischen und alternativen Schulen, die Vertrauen, selbstbestimmtes Lernen und die Autonomie von Kindern in den Mittelpunkt stellen“ eine Antwort. So stiessen wir auf die Ecole d’Humanité. Je mehr wir uns auf der Website umsahen, desto besser gefiel sie uns. Mein erster Eindruck war: Hier gibt es eine lebendige Gemeinschaft. Schülerinnen kommen zurück und werden Lehrerinnen, Alumni sind online aktiv, und es gibt regelmässige Treffen. Es scheint etwas Besonderes an diesem Ort zu geben. Am meisten beeindruckte uns der Werbefilm von 2004 (Ecole d'Humanité - 2004 ). Er wirkte natürlich, und beim Zuschauen hatte man das Gefühl, dass die Lehrpersonen gerne dort sind und arbeiten. Einige unterrichteten mehrere Fächer gleichzeitig – zum Beispiel Chemie, Biologie, Basketball und Schach. Für uns ein klares Zeichen für Offenheit – genau das, was wir gesucht hatten.
Noch stärker fiel uns die Beschreibung des Videos auf: Alle Musikstücke im Film wurden zwischen 1999 und 2004 von Lehrpersonen und Schülerinnen der Ecole komponiert und aufgeführt.* Es fühlte sich so an, als würden Schüler*innen und Lehrpersonen gemeinsam sinnvolle Dinge tun – musizieren, komponieren – und die Ergebnisse miteinander teilen. Genau diese Art von Lernen suchen wir.
Natürlich blieb die Frage: Stimmt das alles wirklich – oder nur im Internet? Also: erst unsere Schweizer Freund*innen fragen und dann selbst hinfahren.
Tobias aus Basel, der Organisator der Musikakademie, die unsere Reise ausgelöst hatte, kannte zufällig Frau Gertrud Liebrich, die in den 70er-Jahren Geschichte an der Ecole unterrichtet hatte. Ihr letzter Besuch lag zwei Jahre zurück. Am Telefon hörte man sofort, wie sehr sie diese Zeit schätzte – besonders die sechstägigen Wanderungen. Wieder bestätigte sich, was die Ecole auszeichnet: ein starkes Gemeinschaftsgefühl, getragen von Zugehörigkeit, Unterstützung und Fürsorge.
Vier Tage an der Ecole
Der nächste Schritt war ein viertägiges Immersion-Programm an der Ecole. Wir wollten möglichst viel mitnehmen – aber mit so viel hatten wir nicht gerechnet. Die Zeit war so intensiv, dass wir kaum dazu kamen, Fotos zu machen. Es ist schwer, all die Erlebnisse im Detail zu beschreiben: die Stimmung am Weihnachtsmarkt, die Samichlaus-Feier mit ihren „braven“ und „nicht so braven“ Listen, Volkstanz, Backen, Singen und Musizieren sowie die Mathe-, Sozialkunde- und Französischstunden, an denen wir teilnahmen (ja, ich durfte bei fast allem mitmachen – sogar im Matheunterricht). Darum einfach ein kleines Gedicht vom dritten Tag und ein paar Bilder:
Die Bibliothek – unser Lieblingsort.
Die Ecole ist ein Ort, an dem man sich zu Hause fühlt. Ist das gut oder schlecht? Wer weiss das schon?
Es passiert so viel – und das ständig. In dieser kleinen, gemütlichen Blase, zwischen Einheimischen und Alpen.
Das Mittagessen ist grossartig. Das Abendessen – eher weniger. Aber eines sagen wir ganz klar: Wir lieben die Bibliothek. Wir lieben sie sehr.
Meine Tochter verkauft zum ersten Mal selbstgemachte Lippenbalsame am Weihnachtsmarkt – Schokolade, Vanille und Lavendel. Sie verdient 28 CHF, kauft Suppe für 4 CHF und spendet 10 CHF an die Partnerschule der Ecole in Indien.
Die Einheimischen
Wir waren so begeistert, dass wir nur noch das Gute sahen. Das machte mich misstrauisch. Also lief ich durch Hasliberg – von Wasserwendi über Goldern bis Reuti – und suchte gezielt nach Menschen, die mir auch etwas Negatives über die Ecole erzählen konnten. Die Ecole ist – wie im Gedicht – eine Art Blase. Und normalerweise mögen Einheimische solche „Blasen“ nicht.
Hier war es anders. Ich traf die Familie Thöni, eine der ältesten Familien der Region – ihre Vorfahren leben seit 500 Jahren im Hasliberg. Sie bestätigten, dass die Ecole ein guter Ort ist und wir uns keine Sorgen machen müssten, als Familie hierher zu ziehen. Unsere Tochter werde sich schnell einleben.
„Die Ecole ist zwar eine eigene Welt, aber diese ‘Blase’ wirkt nicht befremdlich. Im Gegenteil: Die Schule bemüht sich stark um den Kontakt zur lokalen Bevölkerung und unterstützt regelmässig Nachbar*innen und Bäuer*innen.“
Das abgelegene Haus der Familie Thöni, voller Geschichten aus dem Hasliberg, sieht man von der Gondel zwischen Reuti und Meiringen – manchmal mit einer wild herumlaufenden Ziege davor.
Lebendiges Lernen
Ein Ausschnitt aus einem Poster im Mathezimmer. Ich hoffe, dass es eines Tages selbstverständlich ist, dass Mathe ohne Spiel und Exploration unvorstellbar ist.
Das Wort „Schule“ (école) stammt vom griechischen „scholé“, was ursprünglich „Musse“ bedeutete – also freie Zeit, die für Lernen und philosophische Gespräche genutzt wurde. An der Ecole lernten wir tatsächlich die ganze Zeit – nicht nur in unserer Freizeit. Und es war spannend. Man merkte, dass echtes Lernen stattfand. Das zeigte sich besonders nach dem Sozialkundeunterricht meiner Tochter. Auf der Zugfahrt zurück erklärte sie mir fast eine Stunde lang – aus der Perspektive ihres Lehrers Feliciano – die Entwicklung von Vertrauen anhand einer Simulation (https://ncase.me/trust/ ). Der eigentliche Beweis kam Wochen später. Als wir über Schuluniformen an ihrer Schule in Bulgarien sprachen, erklärte sie deren Funktion anhand der Theorie von Robert K. Merton – etwas, das sie in diesem Unterricht gelernt hatte. Sie konnte das Gelernte auf einen neuen Kontext übertragen. Das hat mich beeindruckt. Auch der Song aus der Singgruppe mit Alessandro wurde zum meistgesungenen Lied unseres Familienchors über Weihnachten.
Was wirklich zählt: die Entscheidung selbst
Natürlich wäre es unhöflich, die Aussicht und die Natur nicht zu erwähnen.
Im Besprechungsraum neben der Bibliothek.
Doch das Entscheidende ist für uns nicht die Landschaft mit ihren Heidelbeeren und dem Schnee – und auch nicht einmal die Qualität des Lernens, so beeindruckend sie ist. Lange hätte ich gesagt: Es ist die Gemeinschaft. Menschen aus aller Welt, Alumni, die Jahre später Häuser in der Nähe kaufen, Lehrpersonen, die nach Jahrzehnten zurückkehren und mit echter Wärme über die Ecole sprechen.
Nach vielen Überarbeitungen dieses Textes wird mir jedoch klar: Das Wichtigste ist die Entscheidung selbst. Die Möglichkeit, Alternativen zu prüfen, langfristig zu denken und eine eigene Wahl zu treffen. Unserem Kind die Freiheit zu geben, selbst zu entscheiden, wo es seine Schulzeit verbringen möchte. Als meine Tochter am Ende unserer Reise sagte: „Das ist die Schule, auf die ich gehen möchte,“ war ich einfach nur dankbar – gegenüber einer Gemeinschaft, die so eine Alternative überhaupt möglich macht.
Danke!